[III] Trollt Euch! …oder lieber nicht?

Schnelle Kommunikationswege, zigfache Vervielfältigung scheinbare Omnipräsenz von Inhalten – das sind wesentliche Katalysatoren von Verschwörungserzählungen. Nach einer ersten Einführung und einer Charakterisierung der Menschen hinter den Mythen, geht es dieses Mal um die Rolle der Medien und ihrer Trolle. Sind sie die Wurzel allen Übels?

Im Beitrag über die Herkunft von Verschwörungmythen ist zu lesen, dass ihr Ursprung sehr viel weiter zurück reicht, als dass es das Internet gibt. Auch die Prinzipien, nach denen sich die Erzählungen verbreiten, sind nicht so neu: Verknüpfung mit persönlicher Empfehlung, wasserfallartige Verbreitung und unzählige Multiplikator:innen. All das sind besondere Fähigkeiten der (sozialen) Medien – das macht sie nicht zu Schuldigen sondern eher zu einem Möglichkeitenraum, in dem man sich mit Bedacht bewegen sollte.

Katalysator Internet – die Rolle der sozialen Medien

Obwohl die Studienlage eher dünn ist, ist davon auszugehen, dass das Internet den Umlauf der Erzählungen beschleunigt. Insbesondere soziale Medien bieten sich dafür an. Bei einer durchschnittlichen Vorbei-Scroll-Zeit von 30 Sekunden pro Beitrag ist dieser schneller geliked, geteilt oder kommentiert als kontrolliert oder reflektiert. In der Regel betrachten wir diese Inhalte in unserem privatesten Raum: in unseren Händen, durch den Handybildschirm oder auf unserem Laptop, dessen Desktop wir vor fremden Augen verbergen. Und die Erzählenden sind Freunde, Bekannte oder Medienpersonen, zu denen wir auf Grund der Häufigkeit des (einseitigen) Kontaktes eine Art Beziehung pflegen (parasoziale Beziehung). 

Der Algo-Rhythmus der Verschwörung

Dazu kommt, dass wir aufgrund unserer eigenen Filterstrukturen (bestimmt dadurch, wem wir folgen, was wir liken oder wie wir posten) in einer ziemlich eindimensionalen Medienumgebung unterwegs sind. Besonders zeigt das der Algorithmus auf Youtube: Sobald wir ein thematisches Video schauen, verändert sich die Reihe der vorgeschlagenen Videos drastisch. So dauert es nur wenige Videos um von „Sorge vor Impfung“ bei „Die Weltgesundheitsorganisation gehört Bill Gates“ zu landen. Eine Studie zum Thema Zika-Virus aus dem Jahr 2018 zeigt anschaulich, wie weit sich ungesicherte Informationen verbreiten, ohne dass das für die Nutzer:innen sichtbar ist. Forscher:innen haben die beliebtesten Youtube-Videos zum Thema untersucht. Das Ergebnis: in über 65% der Videos wurde vom Impfen abgeraten, obwohl es keine wissenschaftliche Grundlage dafür gab. 

“Du kommst hier nicht rein!” – Die Rolle von Gatekeepern*

Aber warum verbreiten sich Informationen praktisch ungehindert? Eine einfache Antwort aus der Kommunikationswissenschaft lautet: Weil es keine Gatekeeper gibt. *Gatekeeper? Das sind diejenigen, die Informationen sortieren, bewerten und für die Verbreitung auswählen. Klassischerweise sind das Medienschaffende, Wissenschaftler:innen oder generell Gestalter:innen öffentlicher, massenmedialer Kommunikation. Auf den sozialen Medien können wir alle zu diesen Schnittstellen werden. 

Monika Taddicken von der TU Braunschweig macht das ganz klar: „In den sozialen Medien wird eine Menge von Inhalten generiert, die auf traditionellem Wege keinen Zugang zum öffentlichen Diskurs gehabt hätte“. Besonders plakativ zeigt das der Fall Donald Trump – seit er nach Schließung seines Twitter Accounts wieder massenmedialen Regeln unterliegt, ist es still um ihn geworden.

6.000 Tweets in vier Sekunden

Jede:r kann also Inhalte gestalten, teilen und kommentieren – damit haben Interaktionsmedien wohl tatsächlich einen zentralen Einfluss darauf, das Verschwörungserzählungen durch vielerlei Munde gehen – auch solche, die es eigentlich garnicht gibt. Es gibt Algorithmen, die darauf programmiert sind, bestimmte Botschaften zu verbreiten – und viele von ihnen sind so real, dass sie kaum als künstliche Intelligenz zu erkennen sind. So wurden im Vorfeld der US-Wahl mehrere tausend gefälschte Twitter Profile von schwarzen Menschen aufgedeckt – binnen weniger Stunden wurde ein Posting über 6.000 mal geteilt, indem die scheinbaren Profilinhaber:innen ihre Wahl für Donald Trump ankündigten. Twitter löschte die Tweets – weil sie nachweislich falsch waren. Wie viele unentdeckte falsche Profile das Gefühl verbreiten, eine bestimmte Information sei eine Mehrheitsmeinung oder zumindest sehr präsent, kann nur geschätzt werden. Also: Obacht!

Die Tragik der Trolle

Aber nicht alle, die sich im Internet fragwürdig äußern sind „fake“ – leider? Zum Glück? Das möchte ich offen lassen. „Trolle“ zeichnen sich durch eine gezielte Zerstörungsmotivation aus, einem fehlen von Empathie und einem Hang zu Sadismus in verschiedenen Ausprägungen (Hier eine spannende Studie dazu). Nutzer:innen, die zu dieser Gruppe gehören, fordern Kommunikator:innen heraus, verbeißen sich an kleinsten Fehlern und locken die Verfasser:innen mit nicht-endenden Sticheleien aus der Reserve. Bei diesen Voraussetzungen macht Kommunikation keinen Sinn. Trolle sind mächtige Gestalter:innen von Verschwörungserzählungen.

Es passt in die Erzählung konspirativen Denkens (mehr dazu in diesem Beitrag), dass die Breite Masse entweder die „wahren“ Informationen ablehnt und nicht in Kontakt geht oder gereizt oder fehlerhaft auf die Angriffe der Trolle reagieren, da dies ja die Angreifbarkeit belege. Hinter der Warnung „don’t feed the Trolls!“ ist also etwas dran. Provokation ist das Ziel, Lösung nicht vorgesehen. Also: melden, ignorieren, löschen, durchatmen und vor allem mitdenken.

Das war eine kleine Digitalreise durch Verschwörungserzählungen. Wer sich für mehr Hintergrund oder dafür, wie man Verschwörungserzählungen erkennt, interessiert, klickt hier. Einen Überblick über die Geschichte von und Anfällige für dieses Mythen habe ich hier zusammengestellt. Was Verschwörungserzählungen für unsere Psyche tun und wie innere Mechanismen ihre Wirkung verstärken, findet ihr hier oder hier. Ich bin gespannt, was ihr denkt!

Danke für das Bildmaterial an: Robinraj Premchand und Pixabay

Weitere Quellen
→ Quarks (Übersicht) | Quarks (Warum Verschwörung?)
→ ZDF (Interview mit Katharina Nocun und Prof. Dr. Monika Taddicken)
→ Netzpolitik.org (Übersicht)
→ Mitte Studie (Friedrich Ebert Stiftung)
→ taz (Hygiene Demos)
→ BR (Verschwörungsglaube)
→ dlf Kultur (Interview mit Katharina Nocun)
→ Landeszentrale für politische Bildung
→ Hertie Stiftung (Interview mit Pia Lamberty)
→ Gesundheitsstadt Berlin (WHO – Impfgegner)

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