Sunrise

Wer meine Forschung verfolgt, der*die weiß: Freiheit und wie wir über sie denken, sie verhandeln und wie wir mit ihr umgehen, finde ich wahnsinnig spannend. Ich halte diese Diskussion für eine der wichtigsten unserer Gegenwart – vor allem, weil ich dahinter eine enorme motivatonale Kraft vermute, die politische Bewegungen katalysieren oder bremsen kann und über die Gesinnungen hinweg zu Disput, Allianzen und kontroversen Diskussionen führt. Manchmal berührt mich diese Dynamik auch persönlich. So wie irgendwann zwischen dem ersten und tausendsten April, dank einer Diskussion auf den sozialen Netzwerken, die ich mit meinen Freundinnen über die Corona-Ausgangsbeschränkungen führte. Jetzt, inmitten der Bewegung #blacklivesmatter, gewinnt die Frage ist Freiheit Recht oder Pflicht an neuer Brisanz.

Es begann mit einem Posting von der linksprogressiven Webseite „Neues Deutschland“. Dort hieß es: „Wir reden also bei einer Ausgangssperre nicht über eine Kleinigkeit, sondern den größtmöglich denkbaren Grundrechtseingriff gegenüber einer gesamten Bevölkerung. […] Mit der Ausgangssperre droht eine Weichenstellung vorgenommen zu werden, die in eine autoritäre Gesellschaft münden kann.“ Meine Freundin teilte dies voller Empörung: Wir müssten doch für unsere Freiheiten kämpfen, bevor sie uns ganz abhanden kämen!

Freiheit oder (Selbst)Kontrolle?

Der Vorwurf, man würde Freiheitseinschränkungen systemunkritisch hinnehmen, löste etwas in einer anderen Freundin aus. Sie wehrte sich mit dem Argument, wir wären ja frei gewesen, uns anständig zu benehmen: „Würde sich die Mehrheit der Bevölkerung denn mal konsequent an momentane Richtlinien halten, wie z.B. zuhause bleiben, wenn es möglich ist, würde so eine Ausgangssperre nicht notwendig sein, aber nein, Menschen versammeln sich im Park oder feiern rücksichtslos irgendwelche Coronaparties. Da wundert es mich, ehrlich gesagt, wenig, dass Ausgangssperren ausgerufen werden.“ Anscheinend steht hier Freiheit steht gegen Freiheit – mehr noch: Die zweite Rednerin führt der Systemkritikerin scheinbar vor Augen, dass es gerade das System der Freiheit – die geschenkte Selbstkontrolle – war, die zur Einschränkung geführt hat. Mit Freiheit muss man umgehen können. Und wenn wir dieses Angebot nicht verantwortungsvoll wahrnehmen, dann verlieren wir die Freiheit nunmal wieder. Das einzig schmerzhafte: Wir werden in Sippenhaft genommen.

Kann kollektive Freiheit funktionieren?

Dahinter steht eine relevante Frage unseres Systems, an der wir immer wieder scheitern: Wie groß ist also der eigene Einfluss auf die kollektive Freiheit und Kontrolle tatsächlich? Wir können in einem Staat keine homogene Gruppe voraussetzen, die ihre Freiheit auf eine gleichgerichtete Art ausfüllt und nutzt. Wir können – anscheinend – auch keine geteilte Motivation zum Gemeinwohl im Ausüben dieser Freiheit voraussetzen. Was wir voraussetzen können ist, dass der Einfluss auf die eigene Freiheit als Gut von der Gesellschaft kollektiv als wichtig betrachtet wird. Das gilt für diejenigen, die sie in fragwürdigen Hygienedemos ad absurdum – das heißt über die tatsächlich eingeschränkte Freiheit hinaus – vertreten, wie an jenen, die es sich in ihrer „es-ist-doch-alles-gut-wie-es-ist“-Bequemlichkeits-Freiheit eingerichtet haben.

Zwischen diesen Polen liegt ein Meer von Grautönen, das in Aufruhr gebracht wird von jenen, die Freiheiten anpassen oder das Gefühl geben, die Kontrolle darüber zu entziehen. Klassischerweise sind das politische Akteure aber auch Medien oder Wissenschaftler*innen. Welche Rolle diese Akteure in der Gleichung um politische (Handlungs)Motivation (in Gruppen) spielt, möchte ich in meiner Forschung herausfinden. Schon jetzt ist aber klar: Die Sensibilität für von außen ausgeübte Macht ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Der oder die eine beseitigt die Dissonanz mit Zustimmung der oder die andere rebelliert. Die Grenze dazwischen ist fließend.

Kann das also unter diesen heterogenen Voraussetzungen dann überhaupt klappen mit der kollektiven Freiheit? Wenn ihr mich fragt: Ja. Der Luxus an Freiheit ist, dass wir sie alle auf unsere individuelle Art ausfüllen dürfen. Diesen Raum geben uns unsere Gesellschaft und unser Grundgesetz. Gleichzeitig geht das aber auch mit einer Pflicht einher, die Unterschiedlichen Positionen zu verhandeln. Nun ist dies in der Habermas’schen „vermachteten Arena“ nicht mehr ganz so einfach. Öffentlichkeit unterliegt demnach Machtstrukturen und wird von den Akteuren, die die Macht haben, gestaltet – nicht jedoch von den eigentlich Betroffenen Bürger*innen. In Zeiten von social Media bricht diese Machtstruktur auf. Damit entstehen laufend Chancen auf Austausch (welche Schattenseiten das birgt, zeigen die mächtigen Verschwörungsmythen, die über eben diese Netzwerke verbreitet werden – aber dazu an anderer Stelle mehr.).

Freiheit muss verhandelt, Kontrolle erarbeitet werden

Wenn wir länger mit einander reden, dann wird spürbar, was oben bereits beschrieben wurde: Freiheit ist niemandem egal. So war es dann auch in der Diskussion unter dem o.g. Posting in Bezug auf die Corona-Einschränkungen. Nach einigem Hin und Her einigte man sich dann auf diese Ansicht: „Es ist wichtig, das kritisch zu betrachten […], um nicht selber in ein doppelbödiges Argumentationsverhalten zu gelangen, wo „aus Prinzip“ scheinbar gegen „aus (Grund)rechtlicher Sicht“ aufgewogen werden. Das hilft der Entwicklung nicht. Kritische Reflexion hingegen schon. Erstes gesellschaftliches Ziel ist es, Menschenleben zu schützen, dazu gehört, Arbeitnehmerinnen zu schützen, […] dazu gehört aber auch, wie wir ein gesellschaftliches Verhalten hinbekommen, in dem die Pandemie kontrollierbar wird.“ Der spannende Gedanke dabei: Wenn wir uns als Gesellschaft koordinieren, können wir uns Kontrolle erarbeiten. Für die Gesellschaft als ganze mag das ehrgeizig klingen. Im kleinen Rahmen ist das ein erfolgsversprechender Weg. Wer in einer kleinen, aber systemrelevant ausreichend großen Gruppe mal einen überzeugenden Vorschlag gemacht hat für eine Veränderung, der hat das vielleicht bereits erlebt.

Manchmal reicht auch schon eine kognitive Einigkeit, um die Dissonanz im Freiheitsempfinden zu reduzieren. Richtig berührt hat mich deswegen schließlich das Fazit meiner Freundin zum Fall Corona-Einschränkungen. Sie schreibt: „Ich glaube es kommt da auch einfach auf den Prozess an (wie werden solche Sperren verhängt, gab es eine Beteiligung der Parlamente) und die Haltung, sowas auch zu kommunizieren und die Verantwortung dafür zu übernehmen. […] Ich bin ganz bei N.N., dass es da einen sehr kritischen und verantwortungsvollen Umgang braucht. Und kann bei deinem Post liebe N.N. sehr mitfühlen. Diese Rechte wurden hart erkämpft und sind das Herzstück unserer Demokratie. Ist auch irgendwie bestärkend zu merken, dass wir was dabei empfinden, wenn sie in einer Krisensituation so stark beschnitten werden.„

Dahinter steckt nämlich eine wichtige Erkenntnis: Freiheit ist Recht und Pflicht zugleich. Es ist Teil der Freiheit, immer wieder neu darum zu kämpfen und Auslegungen von Freiheit zu diskutieren. Wir können diese Pflicht nur umsetzen und als wichtig empfinden, weil wir überhaupt das Recht haben, dafür zu streiten. Kein Wunder also, dass beides so häufig in einem Atemzug stattfindet.

Update: #blacklivesmatter

Eigentlich ist der Text an dieser Stelle vorbei gewesen – dann geschah der Mord an George Floyd. Die Frage danach, ob Freiheit Recht oder Pflicht ist, muss für diese Extremsituation noch einmal neu verortet werden: Wir können unsere Pflicht Freiheit auszuüben nicht nur umsetzen, wir müssen es sogar. Und dafür zu streiten, sie immer wieder neu einzufordern auch und gerade gegen Widerstände ist meiner Auffassung nach aktuell Teil dieser Pflicht. Zusätzlich legen die Demonstrationen Augenmerk auf einen Fakt, der im Freiheitsdiskurs nicht fehlen darf und den ich ebenso unterschlagen hätte, weil er bei mir auch oft von meinem Privilegien-umrahmten blinden Fleck überlagert wird:

Freiheit ist nicht gleich verteilt.

Ob wir unser Grundrecht ausüben dürfen, ob wir guten Gewissens und geschützt von Recht und Gesetz dafür kämpfen (können) und wie unserer Forderung nach Freiheit begegnet wird, hängt davon ab, wer wir sind, welches Geschlecht wir haben oder welche Hautfarbe und davon, welcher soziale Status uns anerkannt wird. In meiner Wortwahl liegt hier die Crux: Ich habe „anerkannt“ geschrieben. Nicht welchen Status wir haben oder einnehmen. Denn die Freiheit, darüber zu entscheiden, wie man uns und unsere Handlungen wahrnimmt, haben wir nicht. Aber wir können entscheiden, welchen Status und welches Recht auf individuelle Freiheit wir anderen Menschen zugestehen. Und diese Aufgabe haben vor allem wir: Weiße, Privilegierte, Gebildete.

Meine Freiheit ist Deine Freiheit

Freiheit ist immer die Aufgabe derjenigen, die sie haben. Wir, die wir schwarze Bilder posten. Wir, die wir irgendwie davon angegriffen sind, dass wir jetzt in Sippenhaft genommen werden für unser Weißsein. Wir die wir gerne helfen würden, aber zu allererst einmal anerkennen sollten, dass wir – so gut wir es meinen – Teil des Problems sind. Mit unseren blinden Flecken, mit unserem Schock darüber, was passiert ist und der Scham, dass es eigentlich nur deswegen schockiert, weil es diesmal so sichtbar war. Schwarze und der strukturelle Rassismus gegen sie (und viele andere, die wir als „fremd“ decodieren), haben nicht erst seit George Floyd Bedeutung. #Blacklivesmatter schon viel länger.

Was tun? Mitreden, im Gespräch bleiben, spenden (z.B. hier) – und das mit Nachdruck und lagem Atem. Um es mit den Worten der Journalistin Alice Hasters zu sagen: „Antirassismus ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“ (Quelle: DLF). Das Wichtigste dabei: Wir müssen uns selbst hinterfragen. Darin liegt die Schönheit des Anti-Rassismus, so die amerikanische Schriftstellerin Ijeoma Oluo:

„The beauty of anti-racism is that you don’t have to pretend to be free of racism to be an anti-racist. Anti-racism is the commitment to fight racism wherever you find it, including in yourself. Ant that’s the only way forward.“

Ijeoma Oluo, Twitter

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