Überblick bewahren, handlungsfähig bleiben. Die Nerven behalten!!

Irgendwann kürzlich hat sich etwas verändert. Nach dem Chaos kam sowas wie Chaos-Routine. Ich sehe das um mich herum, aber auch an mir selbst: Ich habe meine Routine in dieser verrückten Zeit: Aufstehen, Joggen, Duschen, Frühstücken, Homeoffice, Mittagspause, Homeoffice, nochmal rausgehen, telefonieren, Abendessen, Couch. Haben wir uns an die Ausnahmesituation gewöhnt? Ich würde meinen: Auch. Ich glaube, dass an der These etwas dran ist, dass der große Knall gefühlt bis dato ausblieb und so auch die Anspannung abnimmt. Gleichzeitig glaube ich, dass wir unsere eigenen kognitiven Kontrollstrategien haben, die uns helfen, Dissonanzen abzubauen. Diese lassen sich – vielleicht etwas überspitzt – entlang der Kommentarspalten zur aktuellen Berichterstattung ablesen. Ich habe daraus mal sieben Typen modelliert. Findet ihr Euch wieder?

Meine Überlegungen begannen mit einem Interview mit der Tagesschau erklärt Angstforscher Borwin Bandelow (23.4.2020), das ich am 24. April für angstfrei.news ins Auge gefasst hatte. Bandelow sagt: “Es gibt in der Angstforschung eine Vier-Wochen-Regel: Kurz nach einem schweren Ereignis […] herrscht stets eine Art Panikreaktion. Die Angst davor, selbst Opfer dieses schrecklichen Ereignisses zu werden, ist sehr hoch, teilweise ist sie sogar übertrieben hoch. Nach ungefähr vier Wochen beruhigt sich das wieder.” Oder anders: das Gehirn verlässt den Überlebensmodus mit Hamsterkäufen und anderen Überlebensstrategien und wechselt auf das rationale System. Ein bisschen haben wir eine Expositionstherapie hinter uns – wir wurden über einige Wochen der Angst vor Corona ausgesetzt und die meisten von uns haben gelernt, dass die Angst keine Konsequenzen in Form einer Ansteckung hat – nur dass es eine Faktenlage gibt, auf die wir Rücksicht nehmen müssen.

So ein bisschen Rationalität schützt offenbar die Seele. “Das Angstsystem überschätzt die Gefahr”, sagt Bandelow. Deswegen komme es jetzt auf den Mittelweg zwischen Panik und Übermut an. Ich finde, das klingt vernünftig und ich möchte mich nur zu gerne in diesen Weg einfinden. Man gewöhnt sich an alles, der?

Mikrokosmos Kommentarfeld

Ein Blick in das Kommentarfeld zum Beitrag zeigt: Jain. Zu lesen ist ein Wettbewerb von “Jetzt-ist-aber-mal-gut!” gegen “das-geht-alles-viel-zu-schnell!” und “Sie-haben-doch-alle-keine-Ahnung!”. Allen eins ist der Wunsch danach, sich richtig zu verhalten, die Situation korrekt zu überblicken und im Idealfall über die ideale Eigenbewertung zu kontrollieren. Wenn sich etwas verändert hat, dann ist es das Gefühl, nicht mehr ausgeliefert zu sein oder sein zu wollen. So suchen wir uns verschiedene Strategien, die allesamt über die Be- (und zum Teil Ab-)Wertung ‚der anderen‘ funktionieren. Lässt man Verschwöhrungsszenarien, die man mit “alles nicht so schlimm”, “selbst Schuld, die Menschheit hat es nicht anders verdient!” oder „wir wussten schon lange, dass Bill Gates die Welt kaufen will – jetzt ist es so weit!“, zusammenfassen kann, außen vor, so bleiben zumindest in dieser Kommentarspalte die folgenden Kontrolltypen zur Auswahl:

Der*die Zweifler*in

Wie der Name schon sagt: er*sie zweifelt. An den Entscheidenden, der Faktenlage, den Mitmenschen. Über bleibt nur er*sie selber, die*der es richtig macht und die Situation versteht. Wenn nur die anderen die Situation verstünden! Dies ist ein Modus , den Verschwörungstheoretiker*innen gerne einnehmen. Denn das interessante am Zweifelnden ist, dass er*sie selten einen Beleg für seine Zweifel oder eine alternative Information bringt. Denn die ‚eigentliche‘ Wahrheit liegt so auf der Hand, dass man sie nicht mehr ausbreiten muss. Die Strategie macht total Sinn, weil mit wenig Aufwand (der Ablehnung der Meinungen der anderen, den Rückzug in eine unsichtbare Gemeinschaft der Wissenden oder einen unsichtbaren Pool des Wissens), eine denkbar komfortable Kontrollsituation geschaffen wird: Ich weiß was, was ihr nicht wisst – aber ich muss Euch das nicht erklären, da ihr mir eh nicht glauben würdet. Der Sender dieser Botschaft steht in seiner eigenen Wahrnehmung wie ein Held im Sumpf des Falschen – Selbstwertsteigerung trifft auf Kontrollillusion.

Hilft die Strategie?
So lange man die Illusion aufrecht halten kann und es sich nicht mit Mitmenschen verscherzt, mit denen man noch auskommen möchte, tut die Strategie, was sie soll: Sie beruhigt das Gemüt. Letztlich ändert sie nichts und ist eine kommunikative Einbahnstraße, da es kaum bis garnicht möglich ist, mit dem*der Zweifler*in in den Austausch zu treten. Schade, denn alleine wächst einem die Kontrolle schnell über den Kopf.

Der*die Leichtmütige

Leichtmut ist ein Dienstleister des Hedonisten. Diese Strategie baut vor allem auf eines: Die leichte Schulter. So schlimm wird’s nicht werden – das war es bis dato ja auch nicht. Der*die Leichtfüßige sucht Informationen, die ihn beruhigen: gesunkene Zahlen in seiner*ihrer Kommune, erste Anzeichen für einen Impfstoff, eine konstante Reproduktionszahl. Konfliktreichen Informationen – eine hohe Sterberate in anderen Ländern, kleinen Ausbrüchen in Gotteshäusern oder Restaurants oder schlicht angespannten Freund*innen, geht er*sie aus dem Weg. Wenn man fragt, verneint er oder sie die Realität aber auch nicht – sie ist für seine*ihre persönliche Gegenwart einfach nicht handlungsentscheidend. Warum? Das weiß er*sie auch nicht so recht. Aber es spielt auch keine Rolle. Denn seine*ihre Strategie ermöglicht eine angenehme Kontrolle über die eigenen Handlungen. Denn: da alles nicht so schlimm ist, kann man auch alles machen.

Stellvertretend für diese Strategie steht folgende*r Kommentator*in, der*die überspitzt schreibt: “Ja was denn sonst, anfangs hat man uns ein wenig Angst eingejagt, damit man für das Thema sensibilisiert wird und nun geht es weiter, mit Respekt, keiner Angst (Aus einem ängstlichen Hintern, kam noch nie ein fröhlicher Furz).”

Hilft die Strategie?
Manchmal sind wir alle der*die Leichtmütige – zumindest wären wir es gerne. Denn es entspannt ungemein, wenn ‚alles nicht so schlimm‘ ist. Für das Seelenheil ist das unglaublich angenehm. Ob es hilft? So lange nichts passiert, wahrscheinlich. Außerdem kann man sich mit der*dem Leichtmütigen über seine*ihre Ansichten unterhalten. Konflikte sind eher unwahrscheinlich. Das macht den*die Leichtmütige aber nicht unbedingt zum besten Mitmenschen für andere. Denn sie*er nimmt alles nicht ganz so eng, ganz so ernst und im großen und Ganzen nicht ganz so schwer.

Der*die Wissende

Das Auflisten von Argumenten und Fakten schafft dem*der Wissenden einen Korridor, in dem er*sie sich zurechtfindet. Das kognitive Überlegensein wird so zu einem Sicherheitsnetz. Das ist letztlich nichts anderes als eine Reduktion kognitiver Dissonanz durch additives Verhalten: Der*die Wissende sucht Informationen, die zu den aktuellen Begebenheiten passen. Hier wird ein eigentlich guter Impuls – informiert zu sein – zu einem schwierigen Schutzschild, das zwar bei der Ausrichtung eigener Handlungen hilft, sich aber gleichzeitig oft gegen andere richtet. Denn das Besondere am Typen des*der Wissenden: er*sie drängt seine eigene Strategie seinen Mitmenschen auf.

Mein liebstes Beispiel aus den Kommentaren für Vorwürfe an die anderen, ist dieses: Ein Nutzer beschreibt die Situation mit diesem Bild: “1. Man springt aus dem Flugzeug und fällt so schnell, dass der Aufprall tödlich enden würde 2. Man öffnet den Fallschirm 3. Der Fallschirm schneidet zwar etwas ein, aber bremst den Fall so stark ab, dass die Fallgeschwindigkeit unbedenklich geworden ist. Nun gibt es offenbar an genau diesem Punkt eine Menge Menschen, die daraus schließen: Da der unbequeme Fallschirm nun überflüssig geworden ist, kann ich ihn ja einfach abwerfen.”

Hilft die Strategie?
Das kann man machen, wenn man sicher ist, dass man Bescheid weiß. Aber wer kann sich grade wirklich sicher sein? Wir alle laufen Gefahr, dem Dunning-Kruger-Effekt auf den Leim zu gehen. Wenn wir der Realität mit (halb)Wissen begegnen, treffen wir schnell falsche Annahmen und merken es oft nicht. Die Strategie des Wissenden braucht also vor allem eines: Wissen. Und das ist bekanntlich begrenzt.

Der*die Volksvertreter*in

Wir kennen diese Strategie aus populistischen Szenarien: die Öffentlichkeit werde unterschätzt und ihr stünde die eigentliche Kontrolle zu. Daher müssten Entscheidende sich dem Willen der Öffentlichkeit beugen. Es geht diesem Typen weniger um Wissen, Moral oder Leichtmut. Er lagert seine Fragezeichen auf einen Nebenkriegsschauplatz aus: Nämlich auf die Frage danach, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Corona wird hier zur eigentlichen Nebensache. Viel wichtiger ist die Forderung, beteiligt zu sein, nicht über den Tisch gezogen zu werden und das rechtmäßige „Demos“ in Demokratie zu sein. Ein wenig erinnert diese Strategie an die Zieländerung als Antwort auf kognitive Dissonanz: „Wenn ich schon keine Kontrolle auf die Situation ausüben kann, dann kann ich aber wenigstens die Kontrolle über die Kontrolle fordern!“ Oft treffen hier auch ‚alte‘ Bedürfnisse einen neuen Vorwand. Deswegen ist die AfD jetzt vorne mit dabei, deswegen mischen sich rechte Gruppen oder Verschwörungstheoretiker*innen unter. Die Kontrollforderung war schon vor Corona da. Übrigens: Das ist kein rechts-links-Phänomen (auch wenn ich darin das größte Problem sehe). Auch linke Gruppen nutzen diesen Mechanismus für sich.

Hilft die Strategie?
Es ist bestechend, Volksvertreter*in zu sein, denn man ist direkt eingebunden in etwas Größeres. Die Gruppe gibt Rückhalt und Sicherheit, die die aktuelle Situation so nicht schaffen kann. Das tut Dienst: Nachher fühle ich mich besser, als vorher. Und allein bin ich auch nicht. Viele Studien belegen, dass das nicht-Alleinsein sich positiv auf unsere Grundverfasstheit auswirkt. Gleichzeitig wächst in diesem konkreten Fall die Distanz zum eigentlichen Problem mit der Näherung an diese Strategie. Krisengerechtes Verhalten wird in der Konsequenz unwahrscheinlicher.

Der*die Trotzige

Die Strategie kann man zusammenfassen mit: „Ihr könnt mir gar nichts sagen.“ Aus dem inneren Antrieb heraus, sich die eigene, persönliche Freiheit nicht nehmen zu lassen, handelt der*die Trotzige, wie er*sie es für richtig hält. Anders als der*die Volksvertreter*in oder der*die Moralisierer*in hat der*die Trotzige keine andere Agenda. Es geht ihr oder ihm schlichtweg um die persönliche Freiheit. Nicht mehr, aber auf keinen Fall weniger! Dieser Typ beseitigt die Unsicherheit mit der Handlung, die erst gar keine Dissonanz auslöst. Oder anders: er löst die Einschränkung seiner Freiheit auf, indem er oder sie sich die Freiheit einfach zurück nimmt.

Hilft die Strategie?
Mindestens zwei Gründe sprechen dagegen: 1. Trotz stößt im aktuellen Fall an rechtliche Grenzen. Diese sind mächtige Auslöser von Verhaltensdissonanz, gegen die Trotz ab dem eintreten von Strafe schnell machtlos ist. 2. Der Trotzige läuft mehr als die meisten anderen Typen Gefahr, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden für seine Handlungen. Sobald das Normative in abschätzigen Blicken, tadelndem Abstandnehmen oder der deutliche Kommentar zum Fehlverhalten die Position des*der Trotzigen in seiner Bezugsgruppe in Gefahr bringen, ist die Strategie ‚einfach zu machen‘ nicht mehr hilfreich. Denn anders als der*die Leichtfüßige hat der*die Trotzige kein kognitives Konstrukt, dass seine Handlungen für ihn wie nach außen zumindest teilweise verständlich trägt.

Der*die Moralisierer*in:

Der erhobene Zeigefinger ist der Sicherheitsabstandshalter des*der Moralisierenden. Wenn nicht klar ist, wie die infektologische Lage ist, welche Maßnahmen helfen und welche nicht, dann sucht sich dieser Typ Konstrukte, mit denen er*sie sich auskennt und in denen er*sie sich Zuhause fühlt. Er*sie teilt seine*ihre Verhaltensoptionen damit in zwei Typen: richtig und falsch. Das kann unwahrscheinlich entlasten. Der*die Moralisierende wendet Strategien und Regeln an, die er*sie im gesellschaftlichen Miteinander gelernt hat. Das fühlt sich allgemeingültig an und gibt daher Sicherheit.

Für das Verhalten hat das ganz unterschiedliches Auskommen. Ein Kommentar unter dem oben genannten Beitrag lautet zum Beispiel: “Dabei ist Freiheit aber auch die Freiheit des anderen, bei der die eigene aufhört. Und der 80-jährige Risikopatient hat genauso ein Recht zu leben wie unser Egoist, der die Maskenpflicht für einen gravierenden Einschnitt in seine Freiheitsrechte hält.” Der Kommentator macht da das ganz große normative Fass auf. Und wer könnte da nein sagen? Im Prinzip bin ich der gleichen Meinung. Problem gelöst. Ich halte ich an alle Regeln. Oder?

Hilft die Strategie?
Die Idee ist attraktiv. Moralisten handeln auf den ersten Blick richtig. Letztlich wie der*die Wissende auch. Nur eben mit dem gleichen Unsicherheitsfaktor. Auch Normen können – und müssen – diskutiert werden. Keiner traut sich im obrigen Beispiel, zu argumentieren, dass die Maskenpflicht ganz rational eine Einschränkung unserer Freiheitsrechte ist – ungeachtet dessen, ob das auch dazu führt, dass wir uns gegensätzlich verhalten und das Tragen verweigern. Ein anderes Beispiel: Haben Eltern, die während des Verbotes mit ihren Kindern auf den Spielplatz gegangen sind, falsch gehandelt? Normativ – und auch gesetzlich – ja, auf jeden Fall. Gleichzeitig gibt es Eltern mit kleinen Wohnungen, ohne Park vor der Tür mit Kindern, die nicht ausgelastet sind. Man könnte argumentieren, dass diese Eltern den Schutz des Kindes in den Vordergrund stellten. Schwierig. Deswegen ist die Moral auch eine schwierige Kiste – natürlich hilft sie, sie ist aber alleine auch keine sichere Bank.

Der*die Unwissende

Eigentlich sind wir das alle. Deswegen ist es wohl ratsam, sich für das entwaffnendes Eingestehen des eigenen Unwissens zu entscheiden. Kurz: Ich weiß auch nicht, was richtig ist, daher entscheide ich von Moment zu Moment und gönne mir ab und an die Sicherheit von Routinen und ein Eis.

Hilft die Strategie?
Ich fahre sie schon seit einigen Wochen erfolgreich. Aber versteckt hinter der scheinbar unkomplizierten Grundhaltung steckt eine unbequeme Wahrheit – wer sich auf dem eigenen Unwissen ausruht, gibt die Kontrolle ab. Mehr noch, er oder sie verpasst die wichtige Gelegenheit (Pflicht?), sich mit gemeinschaftsschädlichen Typen auseinanderzusetzen.

Und jetzt?

Im Idealfall sind wir also alle ein bisschen was von allem. Spannen wir uns ein Netz des Wissens, auf Kurs mit einem gesunden moralischen Kompass und mit einer gemeinschaftsfreundlichen Portion Leichtmut. Werden wir zum*r Volksvertreter*in, wenn es nötig ist, lasst uns gütig mit uns sein, wenn wir trotzig waren und gestehen wir uns ein, dass wir nicht alles wissen. Das ist ok.

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