Ein kleiner Rückblick auf unsere Realität der letzten Wochen: Zur Eindämmung der Pandemie hat die Bundesregierung umfassende, zumeist gesetzliche, Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens verfügt. Grundlegende psychologische Theorien und auch unser ‚gesunder Menschenverstand‘ sagen ganz klar Widerstand als Reaktion auf diesen Verlust von individueller Freiheit voraus. Insbesondere zu Beginn der Pandemie war jedoch das Gegenteil der Fall: Die Zustimmung zur Regierung stieg (Siehe: Infratest Dimap). Erst nach Abklang der ersten Angstwelle und im Zuge der Lockerungen, kam sichtbarer, öffentlicher Widerstand in diesen Prozess und populistische Kräfte, vor allem aber Verschwörungstheoretikerinnen, gewannen an Aufwind. In meiner Forschung habe ich mir die Frage gestellt, warum es zu dieser Dynamik kam und was sie über grundlegende Einflussfaktoren auf den politischen Wettbewerb aussagt. Noch befinde ich mich inmitten meiner Auswertung – aber schon jetzt bin ich mir sicher: Die Daten können spannende Hinweise auf die politische Kommunikation von morgen geben.

Wie so oft beginnt ein Gedankengang bei mir mit dem Konstrukt Freiheit. Gerade in Deutschland bewerten wir Freiheit als wichtiges Gut, deshalb sind wir besonders sensibel, wenn wir nicht selber darüber verfügen dürfen. Davon sprechen auch meine Daten: Freiheit ist der stärkste übergeordnete Einfluss in der Gemengelage um die Frage, ob wir Widerstand empfinden oder nicht. Aber sie erklärt nicht, warum wir zu Beginn so einverstanden waren und mit Einsetzen der Lockerungen der Widerstand seitens einiger Menschen wuchs.

Zwei emotionale Pfade?

Als ein Zwischenergebnis meiner Studie entsteht ein Modell, das ein Erklärungsangebot für die Dynamik liefert und dabei gleichzeitig einen spannenden Hinweis auf hilfreiche politische Kommunikation gibt. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass psychologischer Widerstand die politische Einstellung zwar negativ beeinflusst – wer eher Widerstand empfindet, ist auch eher unzufrieden mit der Regierung – ob oder wie stark hängt dabei aber von zwei emotionalen Pfaden ab:

(1) Empfinden Individuen eine konkrete Angst gegenüber der Ausgangssituation, sind sie der Regierung positiver gegenüber eingestellt, Freiheit ist weniger wichtig, der Glaube an alternative Fakten ist geringer und in der Konsequenz tritt Widerstand nicht oder nur abgemildert auf. Die Emotion Angst überlagert damit die Motivation, Freiheit eigenhändig wieder herzustellen. Menschen sind in der Konsequenz eher bereit, Kontrolle an einen externen Agenten – wie die Regierung – abzugeben. Dieser Mechanismus konnte in der ersten Phase der Pandemie beobachtet werden.

(2) Dem gegenüber motiviert diffuse Sorge Widerstand. Sie steht in einem positiven Zusammenhang mit Gefühlen kognitiver Dissonanz (also unangenehme Anspannung, innere Leere, Bedenken und Verärgerung). Individuen nehmen den inneren Widerspruch zwischen gewünschter Freiheit und empfundenem Kontrollverlust eher als verstörend wahr, als wenn sie eine konkrete Angst empfinden. Die sorgenvolle Stimmung wird von einer steigenden Bedeutung persönlicher Freiheit und einem tendenziell stärkeren Glauben an alternative Fakten katalysiert. Damit verstärkt Sorge situative Reaktanz und über diesen Zusammenhang auch die Abwertung der Regierung. Dieser zweite Pfad konnte insbesondere nach Auftreten der ersten Lockerungen vermehrt beobachtet werden, da die aktuelle Problemlage kleinteiliger, unübersichtlicher und weniger konkret wahrgenommen wird.

Was lässt sich für politische Kommunikation ableiten?

Einfach gesagt: Sie muss in ihrer Klarheit den Angstfall nachahmen. Natürlich heißt das nicht, dass Bürger*innen strategisch Angst gemacht werden soll. Vielmehr können wir davon lernen, warum Kommunikation im Angstfall funktioniert: Die Bedrohung – also das dominante Thema, um das es gehen soll – ist klar abgegrenzt. Im aktuellen Fall ist es Corona – in Zukunft könnte es eine Reform, Maßnahmen zur Umwelt- oder Migrationspolitik sein. Durch die Greifbarkeit des Problems ist die Lösung klarer. Das führt zu einem höheren Vertrauen und in der Konsequenz geben wir die Kontrolle zur Umsetzung der Lösung leichter an einen externen Agenten ab. Wir empfinden das dann weniger als ein Einschränken von Freiheit als eine Handlungsfähigkeit über eine dritte Partei.

Aber wie soll das konkret gehen mit der Abgrenzung? Politische Kommunikation muss dafür auf Floskeln und Verklausuliertes verzichten. Problem- und Lösungsfelder müssen klar erklärt werden. Dazu gehört auch, dass Politik über die Grenzen ihres Wissens und strategische Entscheidungen informiert, die erst mit Hintergrundwissen verständlich sind. Dazu gehört auch, Fehler oder Richtungswechsel einzugestehen und zu erklären. Wenn Sorgen und die Lösungsstrategien weiterhin diffus formuliert werden, begünstigt politische Kommunikation Widerstand und sorgt so für die Abwertung von Entscheiderinnen.

Neben dieser Klarheit hilft eine stärker einbeziehende Kommunikation. Wenn Bürger*innen eingeladen werden, mitzudenken, ihnen zugetraut wird, Hintergründe zu bewerten, dann beugt Kommunikation einem gefühlten Kontrollverlust vor. Menschen fühlen sich mündig, da sie durch die zur Verfügung gestellten Hintergrundinformationen mit eigenen Gedanken zu eigenen Lösungen kommen und so die Entscheidungen besser nachvollziehen oder ggf mit beeinflussen können.

Exkurs: Populistische Kommunikation

Beide Dynamiken zeigen sich in populistischer Kommunikation. Wie diffuse Sorgen-Kommunikation wirken kann, zeigt die Kommunikation von populistischen Kräften oder Verschwörungstheoretiker*innen: „Die Flüchtlinge nehmen uns was weg“ oder „diese Religion verändert etwas in unserer Gesellschaft“ sind Aussagen, die einen Rahmen für ganz unterschiedliche, nicht fassbare und damit auch nicht lösbare Sorgen geben. Dass diese Strategie funktioniert, zeigen die Reaktionen in sozialen Netzwerken ebenso wie der politische Erfolg der AfD. Übrigens: Der positive Zusammenhang von alternativen Informationen, Widerstand und der Wahl der AfD zeigt sich auch in den Daten der Studie.

Wie wichtig dieser Effekt der Partizipation ist, zeigt sich ebenfalls im Erfolg der Verschwörungstheoretiker*innen: sie arbeiten mit dem Effekt, dass Menschen sich als die einzigen fühlen, die ‚die wahre Realität‘ verstanden haben. Konkretes Einbezogenwerden in diesen exklusiven Kreis ist ein Mechanismus der Bindung, der wirkt. Wie wirksam er auf der andren Seite – also gegen diese Kräfte – sein kann, hat aber auch die Zugänglichkeit zu Hintergrundwissen zur Corona-Krise gezeigt: Menschen, die besser informiert waren, waren eher einverstanden mit der Einschränkung ihrer Freiheit zu Gunsten eines geteilten gesellschaftlichen Ziels.

Kurzum, Stand jetzt kann ich Folgendes sagen:
Politische Kommunikation in der Welt von morgen braucht im Krisenfall einen kühlen Kopf und klare Worte und darüber hinaus eine neue Grundhaltung: Mut zur Klarheit, zur Fehlbarkeit und zum Einbezug der Bürger*innen.

Was denkt ihr?

Schreibe einen Kommentar